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Das Streben nach Vollkommenheit Kiel. - Man muss sich erst ein wenig einfinden in die Gedankenwelt des
Bildhauers Hans Kock. Ohne lange Vorrede ist er bei Nolde und Nietzsche,
begibt sich auf die Spuren der großen Auseinandersetzungen zwischen Glaube
und Philosophie und startet schließlich wie selbstverständlich einen
Exkurs zum Begriff "Schöpfungsstimmigkeit". Dabei sollten es doch
eigentlich bloß ein paar Sätze zu seiner Biographie und ein kurzer
Überblick über sein Wirken als "Kirchenkünstler" sein. Schließlich hat
kaum ein anderer in den vergangenen Jahrzehnten so viele Kirchräume durch
Kunst zum Klingen gebracht wie Kock.
Hans Kock, am 27. Dezember 1920 in Kiel
geboren, siedelte schon in frühen Jugendjahren mit der Familie nach
Hamburg über, besuchte dort die Albrecht-Thaer-Oberrealschule, um nach
seinem Kriegsdienst zunächst an der Technischen Hochschule Braunschweig
Architektur zu studieren. Doch bereits nach einem Jahr wechselte er 1948
von der Architektur zur Bildhauerei. an der Hamburger Landeskunstschule
wurde er Meisterschüler und später Mitarbeiter des Bildhauers und
Graphikers Gerhard Marcks, der nach dem Ersten Weltkrieg unter anderem am
Bauhaus gelehrt hatte, unter den Nazis verfemt war und seit 1946 als
Professor in Hamburg wirkte. 1953 wurde Hans Kock freischaffender
Bildhauer in Hamburg. Zahlreiche Stipendien und Kunstpreise, Plaketten und
Medaillen sowie Verleihung eines Professorentitels durch das Land
Schleswig-Holstein im Jahre 1987 würdigen die Leistungen Kocks. Seine Werk
umfasst Skulpturen in Stein und Metall. Die Ausstellungen seiner Werke
sind kaum zu zählen.
Als besonders bedeutsam gilt Hans Kocks
Arbeit im Greifswalder Dom. Hier gestaltete er noch zu DDR-Zeiten den
gesamten Innenraum, schuf Altar, Fenster und Leuchter. "Das war schon
etwas Außergewöhnliches", erinnert sich Kock. Es habe damals komplexe
Zustimmung gegeben und so mancher Atheist sei auf diesem Wege über die
Kunst zu Gott gekommen. Ein "Vorkämpfer für die Freiheit", wie er damals
häufig zu hören bekommen habe, sei der dennoch nicht gewesen.
In seiner Heimatstadt Kiel arbeitete Hans
Kock vier Jahre lang an der Neugestaltung des Innenraum der dortigen
Ansgarkirche. Weitere Kirchen gestaltete u.a. in Kellinghusen und Hamburg.
(auch in Aumühle bei Hamburg,
Bismarck-Gedächtnis-Kirche; Anm. des Kirchenvorstandes Aumühle).
Kurzum: Hans Kock zählt zu den bedeutendsten Kirchenkünstlern des Landes.
In Deutschland ist er wohl einer der bedeutendsten Bildhauer des
Gegenwart. Doch darüber spricht er, wie bereits erwähnt, nicht gern.
Er wendet sich lieber den großen Dingen
zu: warum wir uns selbst nur aus der Tradition heraus verstehen können,
was Künstler von den Philosophen lernen können und immer wieder der Frage
nach dem Zusammenhang zwischen Kunst und Natur. Das sind die Themen, die
dem 81-jährigen auch nach einer so langen Schaffenszeit noch immer unter
den Nägeln zu brennen scheinen. "Die großen Linien sind wichtig", sagt er
wie zur Bestätigung und greift nach seinem Strohhut. Seekamp,
Kocks Seebüll an der
Ostseeküste
Es zieht ihn nach draußen. Vor der Tür
seines malerischen Landhauses vor den Toren von Kiel erstreckt sich ein
parkartiges Gelände, aus dessen Wiesen scheinbar zufällig angeordnete
Skulpturen wachsen. "Seekamp - hier an diesem Flecken habe ich die
Möglichkeit, die Schöpfungsstimmigkeit zu erfahren", sagt Kock. Genau
hier, auf dem ehemals als gut errichteten Hof der Vorfahren seiner vor
drei Jahren verstorbenen Frau Anna, will Hans Kock seinen großen
Lebenstraum verwirklichen: die Natur und Kunst gemeinsam zum Klingen zu
bringen. "Durch das Einbringen der Kunst kommt die ursprüngliche
Vollkommenheit der Schöpfung wieder zum Tragen". Zwölf seiner
Großskulpturen stehen im Parkgelände des Hofbereiches. Das ehemalige
Gutshaus zeigt in ständiger Ausstellung die Kleinplastiken des Künstlers,
der ehemalige Pferdestall ist für Wechselausstellungen junger Bildhauer
und für Veranstaltungen hergerichtet.
Über jede einzelne Figur und Stele auf
der zur "Hans-Kock-Stiftung" umgewidmeten Gutsgelände gibt der
Kirchenkünstler ebenso bereitwillig wie ausführlich Auskunft. Etwa über
"die Rose", die er einmal als Geschenk für seinen Freund, den Clown
Charlie Rivel, geschaffen hat, oder über die runde Feldsteinterrasse, die
bis zu dessen Umbau früher den Hamburger Rathausmarkt geschmückt hat und
heute den nördlichen Abschluss der Seekamper Parkanlage bildet.
Doch auch in Bezug auf seine Werke hält
sich Kock nicht lange mit Oberflächlichem auf. Wie lange eine Arbeit
gedauert hat, welche Technik er angewendet hat, über all das verliert er
kau meine Silbe. Was für Kock zählt, ist ausschließlich das Ergebnis. Und
das muss perfekt sein. "Künstler müssen arbeiten wie Hochseilartisten",
sagt Kock, "Dilletantismus ist bei beiden absolut tödlich".
Künstlerische Irrlichter in Kirchen
Und künstlerische Irrlichter gibt es laut
Kock in Kirchen genug. Überall dort, wo kirchliche Kunst Trends hinterher
zu jagen versuche, werde sie sich selbst untreu: "Sie verliert dann die
Botschaft in Reinheit", lautet sein Vorwurf. Zwar könne man im Glauben wie
in der Kunst durchaus auf verschiedenen Wegen zu Gott gelangen. Aber
dieses Ziel das Streben nach dem Göttlichen, das zugleich das Vollkommene
ist, müsse schließlich bleiben. "Dem kann sich niemand entziehen". Ebenso
wenig wie man sich auch der eigenen Herkunft entziehen könne, sagt Kock,
der in Norddeutschland fest verwurzelt ist. Vielleicht fühlt sich der
Künstler, dessen Mutter von der Halbinsel Eiderstedt kommt, auch deshalb
dem Wirken Emil Noldes so stark verbunden. "Zwischen Seebüll (dem letzten
Wohnsitz Noldes und heutigen Standort des Nolde-Museums) und Seekamp
besteht gewissermaßen eine Art Diagonalbeziehung", sinniert Kock und meint
damit nicht nur die geographische Lage. "Dort die Malerei, hier die
Bildhauerei".
Das eigentlich verbindende scheint aber
auch hier weit unter der Oberfläche zu liegen. Schließlich war auch Nolde
stets getrieben von dem Bestreben, Natur und Kunst in Einklang zu bringen.
Überall dort, wo sich er Maler niederließ, legte er Blumengärten an. Die
Eigenart der nordfriesischen Landschaft sowie das Seebüller Ambiente von
Architektur und Garten blieben in Noldes Kunst nicht bloße Zutat, sondern
bildet - ähnlich in ihrem Gesamtgefüge - eine harmonische Einheit aus
Kunst und Natur. Dadurch wird bei Kock wie bei Nolde die Außenwelt zur
Innenwelt und erläutert das künstlerische Werk und umgekehrt.
Versinnbildlicht sieht Hans Kock die Vollkommenheit von Gottes Schöpfung
vor allem in den alten Bäumen, die auf dem Gelände des Skulpturenparks
wachsen.
Wo die Bäume in den Himmel wachsen
"Schon die Zufahrt", eine Allee aus hoch
gewachsenen Linden, "hat etwas von einer Kathedrale". Besonders
symbolkräftig ist für den Künstler jedoch die dickstammige Linde am
äußerten Rand der Rasenfläche: "Weit geöffnet gen Himmel, einstandfester
Stamm mit schützender Rinde und das alles getragen von kräftigem
Wurzelwerk - einfach vorbildlich", sucht Kock Analogien zur menschlichen
Existenz.
Nahezu Makellose Schönheit verkörpern auch die zahlreichen
Frauenskulpturen, die Kock im Laufe seines künstlerischen Wirkens
geschaffen hat. Beinahe selbst überrascht ist er dann auch, als er,
mittlerweile im Ausstellungsraum angelangt, vor der von ihm angefertigten
Büste seiner verstorbenen Frau steht. "Das unterschiedlich einfallende
Sonnenlicht gibt ihr immer wieder neue Konturen", staunt er über das
unerwartete neuerliche Zusammenspiel von Kunst und Natur.
Die bekannteste von Kocks
Frauenskulpturen dürfte zweifellos seine "Minerva" sein, an derem
entblößten Oberkörper Sonntag für Sonntag tausende von Touristen auf
Hamburgs berühmten Fischmarkt vorbeiziehen. Der Kirche bescheinigt Kock in
dieser Hinsicht übrigens einen fatalen Hang zur Prüderie. "Nicht etwa aus
Angst vor Nacktheit, sondern mangels eines ganzheitlichen Blickes". Es sei
für die Beurteilung eines Werkes generell hinderlich, wenn man zu sehr auf
Details fixiert sei, gibt Kock mit einem schelmischen Grinsen zu bedenken.
Über jeglichen Hintergedanken erhaben
sein dürfte hingegen die vorerst letzte Skulptur in kirchlichem Auftrag,
die Hans Kock vor mittlerweile vier Jahren für die Hamburger Hauptkirche
St. Katharinen geschaffen hat: eine bronzene Katharina, die mit
ausgestrecktem Arm vom Kirchendach aus über den Hamburger Hafen blickt.
Unerschrocken, zielstrebig und mit klaren Zügen, ganz wie die heilig
gesprochene Namenspatronin der Kirche.
Als Kock nach dem Rundgang durch den
Skulpturenpark und die dazu gehörenden Ausstellungsräume seinen Strohhut
wieder an den Haken hängt, lässt sich bei ihm zum ersten Mal so etwas wie
Zufriedenheit ausmachen: Keinen Hieb würde er heute anders machen, lautet
das Resümee seines ausgiebigen Rundganges. "Fertig" sei sein Werk aber
noch lange nicht. "Wer das sagt, strebt nicht nach Vollkommenheit"
Foto und Text: Carsten
Splitt |